D.C. -> Nashville -> Memphis -> New Orleans -> Brooklyn

Am Priester der Kirche an der Ecke ist ein Fussballkommentator verloren gegangen. Die frohe Botschaft klingt auch aus einiger Entfernung immer mindestens nach 3:0-Führung, die Gemeinde verfällt schon mal in Jubelschreie mit „Je-sus! Je-sus!“-Sprechchören. Vor unserem Haus wacht eine kleine Madonna. Gelegentlich bleibt ein Passant kurz andächtig vor ihr stehen. Ein unbekannter Verehrer bringt ihr nachts zuweilen kleine Gaben, legt Gummibärchen vor ihre Gipsfüsse. Ein kurzer Spaziergang vor unserer Haustüre führt an einer stattlichen Anzahl hispanischer Kirchen in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen (römisch-katholisch, spanisch-presbyterianisch, Baptisten, Pfingstgemeinden, etc.) vorbei.

Nach einem Monat New York haben wir uns gut eingelebt im Quartier. Es gefällt uns gut im wohltemperierten Melting Pot von Williamsburg, einem mittlerweile stark gentrifizierten, traditionell hispanischen, italienischen, jüdischen, afroamerikanischen und polnischen Viertel im Stadtbezirk Brooklyn.

Wenige Blocks weiter südlich kann es passieren, dass man als einziger keinen schwarzen Hut und kein schwarzes Gewand trägt. Während man sich wenige Blocks weiter nördlich entlang der Bedford Avenue und ihren Querstrassen Richtung East River plötzlich in einer Art Reservat für junge, weisse, zahlungskräftige und tendentiell eher bunt gekleidete Menschen mit scheinbar unbeschränkt viel Zeit für Kaffee, Coolness und alle anderen schöne Seiten des Lebens befindet. Die meisten Künstler mussten aus finanziellen Gründen längst weiter nach Osten ziehen, die Zeit günstiger Wohnungen ist hier definitiv vorüber. Geblieben ist eine sehr hohe Lebensqualität: Es gibt wohl kaum einen anderen Ort mit einer derart hohen Dichte an tollen Bars, Restaurants, Clubs, Kaffees und Geschäften. Auch das ist Amerika: Der Käseladen an der Bedford hat die grössere Auswahl an europäischem Käse als der Globus, Gemüse und Fleisch sind überall “organic”, und die Bio-Bauern verkaufen jeden Samstag ihre frischen Waren auf dem grossen Farmer’s Market im Park. Man könnte hier jeden Tag etwas Neues ausprobieren, und wäre nach einem halben Jahr noch lange nicht fertig.

Aber genug Quartiers-Blabla. Mitte August gingen wir mit zwei guten Freunden aus Zürich, die in den USA arbeiteten, auf einen kleinen Roadtrip. Die Stationen: Washington D.C. -> Nashville -> Memphis -> New Orleans … und dann Rückflug nach Brooklyn. Bilder sagen mehr als Worte: Voilà.

 

Author: Gabriel Brönnimann

Journalist | Texte, Konzepte, Übersetzungen. Wohnt in der Schweiz.

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